Fünf Gegner beim andro WTTV-Cup 2026 in Bonn – vom Paralympics-Sieger bis zum WTTV-Geschäftsführer. Eine Bilanz, die sich in einer einzigen Zahl zusammenfassen lässt.
Der andro WTTV-Cup 2026 in Bonn, ausgerichtet vom Westdeutschen Tischtennis-Verband, war mein erster reiner Einladungscup – und der Cup mit dem stärksten Teilnehmerfeld, in dem ich je gestanden habe.
Nach jedem Turnier spuckt mir meine Auswertung eine Zahl aus, über die ich normalerweise hinweglese: die Summe meiner Gewinnerwartungen. Sie sagt, wie viele Spiele ich an diesem Tag rechnerisch hätte gewinnen sollen.
Für Bonn stand da: 1,8285.
Es wurden drei Siege. Und weil ich immer noch nicht ganz glaube, wie sauber diese Rechnung aufgeht, hier zuerst die nackten Zahlen:
| Gegner | TTR | Gewinnerwartung | Ergebnis | Sätze |
|---|---|---|---|---|
| Thomas Brosig | 2208 | 0,0000 | 0:3 | 6:11, 4:11, 4:11 |
| Arnd Katzke | 1796 | 0,0069 | 0:3 | 4:11, 5:11, 1:11 |
| Thorsten Rothkopf | 1521 | 0,3203 | 3:1 | 8:11, 11:6, 11:5, 12:10 |
| Rainer Schmidt | 1459 | 0,5497 | 3:1 | 11:3, 10:12, 11:9, 12:10 |
| Frank Thelen | 1278 | 0,9516 | 3:0 | 11:9, 11:2, 11:9 |
Die Platzierungen und Ergebnisse des Turniers sind auf myTischtennis öffentlich einsehbar. Dort stehen allerdings nur die Q-TTR-Werte – die aktuellen TTR-Echtzeitwerte, mit denen ich hier rechne, sind Premium-Nutzern vorbehalten. Wundere dich also nicht, wenn die Zahlen dort leicht von meiner Tabelle abweichen. Die Gewinnerwartung ergibt sich aus der Differenz zwischen meinem Wert und dem des Gegners.
Der andro WTTV-Cup 2026 endete für mich damit fast lehrbuchmäßig: Ich habe die beiden Spiele verloren, die ich verlieren sollte, und die drei gewonnen, die ich gewinnen konnte. Unterm Strich: 3:2 und +19 TTR-Punkte.
Klingt langweilig. War es überhaupt nicht.
Ich erzähle meine fünf Partien beim andro WTTV-Cup 2026 deshalb nicht in der Reihenfolge, in der sie gespielt wurden, sondern in der Reihenfolge, in der das System an mich geglaubt hat. Von null bis fast sicher.
Die fünf Partien beim andro WTTV-Cup 2026
0,0000 – Thomas Brosig
Es gibt eine Zahl, die ich vorher noch nie in meiner Auswertung gesehen hatte: eine glatte Null. Nicht gerundet. Vier Nachkommastellen, alle null.
Thomas Brosig ist Geschäftsführer des WTTV, ehemaliger Zweit- und Drittligaspieler und stand mit 2208 an der Spitze des Feldes. Gegen ihn gab mir das System exakt keine Chance.
Man kann das deprimierend finden. Ich fand es befreiend. Eine Null bedeutet: Du kannst nichts verlieren. Kein Punkt steht auf dem Spiel, keine Erwartung, kein „das hättest du holen müssen“.
6:11 im ersten Satz. Das ist die Zahl, die ich mitnehme. Sechs Punkte gegen einen 2208er, mit Bällen, die ich mir gegen einen 1500er nicht getraut hätte. Danach 4:11 und 4:11 – da war die Luft raus.
Der Unterschied zeigt sich übrigens nicht in den spektakulären Bällen. Er zeigt sich darin, dass bei ihm der dritte Ball im Ballwechsel schon steht, während ich noch sortiere.
0,0069 – Arnd Katzke
0,7 Prozent. Und trotzdem ist das die Partie, die mir am meisten wehtut.
Es war mein Auftaktspiel. Ich wusste seit der Auslosung, dass es gegen Arnd Katzke geht, ich hatte die Paarung sogar vorher gepostet. Katzke ist Bezirksmeister, wurde in Lüdenscheid zum „Sportler des Jahres“ gewählt und war mit 1796 der Vierthöchste im Feld.
4:11. 5:11. 1:11.
Die Sätze werden schlechter, nicht besser. Das ist der Teil, der mich stört. Nicht die Niederlage – die war einkalkuliert. Sondern dass ich nach dem zweiten Satz aufgehört habe, an eine Wendung zu glauben. Das sieht man im dritten. Ein Punkt.
Ich schreibe das nicht gern. Aber ein Turnierbericht, in dem nur die schönen Ergebnisse stehen, ist kein Bericht, sondern eine Werbebroschüre.
0,3203 – Thorsten Rothkopf
Der einzige Sieg des Tages gegen die Statistik. Und der, über den ich am meisten nachgedacht habe.
Es fing an, wie es die 32 Prozent vorhergesagt hatten: 8:11 im ersten Satz. Dann 11:6, 11:5 – und ein 12:10 in der Verlängerung des vierten. Ein Fehler weniger auf meiner Seite, und es steht 2:2 und alles ist offen.
Und jetzt der Teil, den ich nicht weglassen kann: Ich hatte in diesem Match richtig viel Glück. Netzroller, Kantenbälle, Bälle, die genau so aufgesprungen sind, wie ich es nicht verdient hatte – nicht einmal, sondern immer wieder. Es gab Ballwechsel, in denen Thorsten alles richtig gemacht hat und der Punkt trotzdem bei mir lag.
Das tut mir bis heute leid. In einem Match, das mit 12:10 im vierten Satz endet, können ein oder zwei dieser Bälle über 3:1 oder 2:2 entschieden haben.
Was mir genauso in Erinnerung geblieben ist: Da waren richtig starke Ballwechsel dabei. Lange Duelle, in denen keiner nachgegeben hat, mit Tempowechseln und Bällen, bei denen ich hinterher selbst gestaunt habe, dass sie noch zurückkamen. Das Glück kam obendrauf zu einem Spiel, das sportlich richtig gut war.
0,5497 – Rainer Schmidt
Von allen zehn Namen auf der Teilnehmerliste war das der eine, bei dem ich sofort wusste: Da will ich hin. Rainer Schmidt ist Paralympics-Sieger im Tischtennis und war über viele Jahre international erfolgreich.
11:3 im ersten Satz. Und ich dachte kurz, das wird ein ruhiger Nachmittag. Ein Irrtum, den ich innerhalb von zwanzig Minuten korrigiert bekommen habe.
10:12. Ich stand bei 10:10 und habe den Satz trotzdem abgegeben.
11:9. Zwei Punkte. Mehr war da nicht dazwischen.
12:10. Wieder Verlängerung. Diesmal auf meiner Seite.
Zwei von vier Sätzen wurden in der Verlängerung entschieden. Bei 55 Prozent Gewinnerwartung war das rechnerisch ein Duell auf Augenhöhe – und es hat sich exakt so angefühlt. Kein Moment, in dem ich mich sicher gefühlt hätte.
Das ist der Grund, warum ich Cups spiele. Nicht wegen der Punkte. Wegen diesen drei Stunden, in denen nichts anderes existiert als der nächste Ballwechsel.
0,9516 – Frank Thelen
Es gibt Spiele, die kannst du nur verlieren.
Frank Thelen stand mit 1278 als Letzter in der Setzliste, meine Gewinnerwartung lag bei 95 Prozent. Für einen Sieg bekomme ich fast nichts, für eine Niederlage zahle ich richtig. Und der Name auf der anderen Seite ist einer, den in Deutschland fast jeder kennt.
Wer glaubt, dass man in so eine Partie entspannt reingeht, hat sie noch nie gespielt.
11:9. 11:2. 11:9.
Der Mittelsatz war klar, die beiden Ränder waren eng. Thelen trainiert seit einer Weile wieder aktiv, beim gastgebenden SC Fortuna Bonn – das ist kein Promi, der zum Fototermin einen Schläger in die Hand gedrückt bekommt. Nach dem 2:11 im zweiten Satz kommen viele nicht mehr zurück. Er schon.
3:0 klingt nach einer Sache, die nie in Gefahr war. Dem war nicht so.
andro WTTV-Cup 2026: Was unterm Strich steht
1,8285 zugetraute Siege. Drei geworden. Daher die +19 Punkte – ich habe an diesem Tag über meiner Erwartung gespielt, aber nicht wegen der Siege gegen Thelen und Schmidt. Die waren eingepreist. Der Unterschied kam aus dem Match gegen Thorsten Rothkopf.
Meine Leistungsgrenze war beim andro WTTV-Cup 2026 ziemlich scharf gezogen: Alles bis etwa 1550 habe ich geschlagen. Ab 1796 war Schluss. Das ist keine schöne Erkenntnis, aber eine ehrliche. Wer weiterkommen will, muss sie sich anschauen, statt sie wegzurechnen.
Vor dem Cup standen 2.114 gewertete Spiele auf dem Konto der Mission. Jetzt sind es 2.119. Und fünf Gegner, die ich in einer normalen Ligasaison nie an den Tisch bekommen hätte – vom Paralympics-Sieger über den Verbandsgeschäftsführer bis zum Investor aus der Höhle der Löwen.
Genau dafür fährt man zu einem Cup wie dem andro WTTV-Cup 2026.
Der andro WTTV-Cup 2026 war damit einer der Höhepunkte dieser Saison.
Danke an den WTTV für die Einladung und an den SC Fortuna Bonn für die Ausrichtung. 🏓
Die ausführlichen Einzelgeschichten zu allen fünf Gegnern findest du auf meiner Wall of Fame. Wie das Teilnehmerfeld vor dem Turnier aussah, steht im Vorbericht.




2Β Kommentare
Richtig toll das du eingeladen wurdest und stark gespielt hast!
Vollkommen verdient π
Danke Danke π